Gott hat uns als Mann und Frau erschaffen.
Unser Geschlecht hat unser Leben schon im vorirdischen Dasein maßgeblich
bestimmt.
Jeder Heilige der Letzten Tage weiß, dass Gott jede sexuelle
Beziehung außerhalb des Ehebunds verboten hat. Und die meisten kennen auch
die Lehre Christi, die besagt, dass es Sünde ist, wenn ein Mann eine Frau
lüstern ansieht (siehe Matthäus 5:28; LuB 42:23; 63:16).
Die
Anziehungskraft zwischen Mann und Frau hat der Schöpfer selbst den Menschen
mitgegeben, damit der Fortbestand des Lebens auf der Erde gesichert ist und
damit Mann und Frau eine Familie gründen und Kinder haben, so wie er es
bestimmt hat. Wer Gottes Gebote bezüglich der Zeugungskraft übertritt,
begeht eine schwerwiegende Sünde. Präsident Joseph F. Smith gesagt:
„Die sexuelle Vereinigung in der Ehe ist rechtmäßig, und
wenn sie mit der richtigen Absicht vollzogen wird, ist sie ehrenhaft und
heiligend. Aber jede sexuelle Handlung außerhalb des Ehebunds ist als
herabwürdigende Sünde zu betrachten, als abscheulich in den Augen Gottes” (Gospel
Doctrine, 5th ed., 1939, Deseret Book, Salt Lake City, Utah, USA,
S.309).
Manche Heiligen der Letzten Tage kennen die Verwirrung und das Leid, das
damit verbunden ist, wenn man sich zu gleichgeschlechtlichen sexuellen
Handlungen hinreißen läst, oder auch nur die Gefühle, die zu solchem
Verhalten führen können. Wie sollen Führer der Kirche, Eltern und andere
Mitglieder reagieren, wenn sie mit den Schwierigkeiten konfrontiert werden,
die ein solches Verhalten beziehungsweise solche Gefühle im religösen,
seelischen und familiären Bereich auslösen? Was sagt man einem jungen
Menschen, der gesteht, dass er sich zu jemandem seines Geschlechts
hingezogen fühlt oder dass er in jemanden verliebt ist, der demselben
Geschlecht angehört? Wie sollen wir reagieren, wenn jemand offenlegt, dass
er homosexuell beziehungsweise lesbisch ist und dass ihm diese Eigenschaft
nach wissenschaftlichen Erkenntnissen angeboren sei? Was sollen wir tun,
wenn Menschen, die nicht unserem Glauben angehören, uns vorwerfen, wir seien
intolerant und hartherzig, weil wir daran festhalten, dass es nicht der Norm
entspricht, sich in jemanden zu verlieben, der dem selben Geschlecht
angehört, und dass alle solchen sexuellen Handlungen Sünde sind?
Die
Lehren des Evangeliums
Unsere
Einstellung zu dem Thema wird von den Lehren des Evangeliums bestimmt, von
denen wir wissen, dass sie wahr sind.
1.
Gott hat den Menschen „männlich und weiblich” erschaffen (siehe LuB
20:18; Mose 2:27; Genesis 1:27). Unser Geschlecht hat unser Leben schon im
vorirdischen Dasein maßgeblich bestimmt (Statement of the First Presidency,
31. Januar 1912; ausgegeben in Improvement Era,
März 1912, S.417; siehe auch Millennial Star,
24. August 1922, S.539).
2.
Der Zweck des Erdenlebens und die Mission der Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage bestehen darin, die Söhne und Töchter Gottes auf
ihre Bestimmung vorzubereiten, nämlich so zu werden wie ihre Eltern im
Himmel.
3.
Unsere ewige Bestimmung, die Erhöhung im celestialen Reich, ist nur
durch das Sühnopfer Jesu Christi möglich geworden (durch das wir „schuldlos
vor God” [LuB 93:38] geworden sind und bleiben können). Diese Bestimmung
können nur diejenigen erreichen, die als Mann und Frau im Temple Gottes den
Bund der ewigen Ehe eingegangen sind und ihn treu eingehalten haben (siehe
LuB 131:1-4; 132).
4.
Durch den barmherzigen Plan des himlischen Vaters kann
jeder, der hier auf der Erde das Rechte tun wollte, aber unverschuldet nicht
die Möglichkeit hatte, die ewige Ehe einzugehen, sich nach dem Erdenleben
für das ewige Leben würdig machen, sofern er die Gebote Gottes hält und den
Taufbund sowie die übrigen Bündnisse treu einhält (Lorenzo Snow,
Millennial Star, 31. August 1899,
S.547; diskutiert in Dallin H. Oaks, Pure in
Heart, 1988, Bookcraft, Salt Lake City, Utah, USA, S.61-62).
5.
Zusätlich zur reinigenden Kraft des Sühnopfers hat Gott uns die
Entscheidungsfreiheit geschenkt, das heißt, die Fähigkeit, zwischen Gut (dem
Pfad des Lebens) und Böse (dem Pfad, der zu geistigem Tod und zur
Vernichtung führt [siehe 2. Nephi 2:27; Mose 4:3]) zu unterscheiden. Die
Umstände hier auf der Erde können unsere Freiheit zwar einschränken (durch
Einschränkung unserer Mobilität oder unserer Wahlmöglichkeiten), aber keine
sterbliche oder geistige Macht kann uns die Entscheidungsfreiheit nehmen,
wenn wir das Alter beziehungsweise den Zustand der Verantwortlichkeit
erreicht haben (siehe Moroni 8:5-12; LuB 68:27; 101:78).
6.
Damit ein bestimmter Zweck des Erdenlebens verwirklicht wird, müssen
wir durch Gegensätze geprüft werden, damit wir zeigen können, ob wir die
Gebote Gottes halten (siehe 2. Nephi 2:11; Abraham 3:25-26). Deshalb dürfen
der Satan und seine Anhänger versuchen, uns dazu zu verleiten, dass wir die
Entscheidungsfreiheit dazu nutzen, Böses zu wählen und zu sündigen.
7.
Weil der Satan will, dass „alle Menschen so elend seien wie er
selbst” (2. Nephi 2:27), gibt er sich besonders große Mühe, uns u zu solchen
Entscheidungen und Handlungsweisen zu überreden, die dem Plan, den Gott für
seine Kinder aufgestellt hat, zuwiderlaufen. Er versucht, den Grundsatz der
Verantwortlichkeit zu unterhöhlen, uns zu überreden, die heilige
Zeugungskraft zu missbrauchen, würdige Männer und Frauen davon abzuhalten,
die Ehe zu schließen und Kinder zu bekommen, und die Unterschiede zwischen
Mann und Frau zu verwischen.
8.
Dabei versucht der Teufel, der ja keinen Körper hat, auch noch, die
Menschen dazu zu bewegen, dass sie ihren Körper vernichten, indem sie den
ewigen Tod wählen, „gemäß dem Wollen des Fleisches, ... wodurch der Geist
des Teufels die Macht erlangt, euch gefangenzunehmen und in die Hölle
hinabzuführen, damit er in seinem eigenen Reich über euch regieren könne”
(2. Nephi 2:29).
9.
Die Erste Präsidentschaft hat verkündet: „Es gibt einen Unterschied
zwischen unsittlichen Gedanken und Gefühlen und dem Vollzug unsittlicher
heterosexueller oder homosexueller Handlungen” (Letter
of the First Presidency, 14. November 1991). Aber auch wenn
unsittliche Gedanken weniger schwerwiegend sind als unsittliches Verhalten,
muss man sich solchen Gedanken doch widersetzen und davon umkehren, denn es
heißt ja, dass unsere Gedanken uns schuldig sprechen werden (siehe Alma
12:14). Unsittliche Gedanken (und alles, was zu solchen Gedanken führt)
können sündiges Verhalten bewirken.
10.
Weil Gott seine Kinder so sehr liebt, werden einst auch die
schlimmsten Sünder (oder jedenfalls fast alle) einem Reich der Herrlichkeit
zugeteilt werden (See LuB 76; diskutiert in Dallin H. Oaks, “Apostasy and
Restoration,” Ensign, Mai 1995,
S.86-87). Wer ein gutes Leben geführt und den größten Teil der zur Errettung
notwendigen heiligen Handlungen empfangen hat, sich aber nicht durch die
ewige Ehe für die Erhöhung würdig gemacht hat, wird einen geringeren Platz
im celestialen Reich erhalten, wo es keine ewige Vermehrung gibt (siehe LuB
131:1‑4).
11.
Inmitten aller Schwierigkeiten und Entscheidungen, vor die das Leben
uns stellt, müssen wir das Gebot Jesu Christi befolgen, dass wir einander
lieben sollen (siehe Johannes 15:12,17). Die Erste Präsidentschaft hat erst
vor kurzem geschrieben:
„Wir müssen freundlicher zueinander sein, liebevoller und
vergebungsbereiter. Wie müssen langmütiger und hilfsbereiter sein. Wir
müssen allen Menschen die Hand der Freundschaft entgegenstrecken, nicht die
Hand der Vergeltung. Wir müssen wahre Jünger Jesu Christi sein und einander
mit aufrichtiger Nächstenliebe lieben, denn so hat Christus uns geliebt”
(“An Easter Greeting from the First Presidency,”
Church News, 15. April 1995, S.1).
Freundlichkeit, Anteilnahme und Liebe helfen uns, schwere
Lasten zu tragen, die uns unverschuldet aufgebürdet wurden, und das zu tun,
was richtig ist.
Die
Anwendung dieser Lehren und Aufgaben
Diese Lehren, Gebote und Aufgaben enthalten die Antwort auf die voher
gestellten Fragen.
Unsere Lehren sprechen jeden schuldig, der – verbal oder körperlich –
Menschen angreift, die für homosexuelle oder lesbisch gehalten werden.
Wir
müssen allen Menschen, die an einer Krahkheit leiden, auch denen, die
HIV-positive sind oder bereits an AIDS erkrankt sind (unabhängig davon, ob
ihre Krankheit auf sexuelle Kontakte oder auf andere Ursachen zurückzuführen
ist), mit Nächstenliebe begegnen und sie ermuntern, an den Aktivitäten der
Kirche teilzunehmen.
Bezüglich der Unterscheidung der Ersten Präsidentschaft hinsichtlich
gleichgeschlechtlicher Beziehungen müssen auch wir zwischen homosexuellen
(oder lesbischen) „Gedanken und Gefühlen” (gegen die man ankämpfen muss) und
„homosexuellem (oder lesbischem) Verhalten” (einer schwerwiegenden Sünde)
unterscheiden.
Es
ist darauf zu achten, dass die Begriffe „homosexuell”, „lesbisch” und
„schwul” bestimmte Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen beschreiben.
Wir müssen uns davor hüten, diese Adjektive zu substantivieren, um damit
einen bestimmten Zustand oder einen bestimmten Menschen zu bezeichnen.
Unsere Lehre gibt uns dies vor. Es ist falsch, mit diesen Worten einen
Zustand beschreiben zu wollen, denn daraus ließe sich ableiten, dass sich
der Betreffende schon von Geburt an in einem bestimmten Zustand befunden
hat, der es ihm unmöglich macht, in seinem sexuellen Verhalten frei zu
entscheiden.
Mit
Gefühlen ist das etwas anderes. Manche Gefühle scheinen angeboren zu sein,
andere wiederum werden durch bestimmte Ereignisse ausgelöst. Darüber hinaus
gibt es auch Gefühle, die wohl auf komplexe Zusammenhänge zurückzuführen
sind. Jeder Mensch hat Gefühle, die er sich nicht ausgesucht hat, aber das
Evangelium Jesu Christi lehrt uns, dass wir auch die Kraft haben, diesen
Gefühlen zu widerstehen und sie (bei Bedarf) umzulenken, um sicherzustellen,
dass sie und nicht zu unpassenden Gedanken oder sündigem Verhalten
verführen.
Jeder Mensch besitzt unterschiedliche körperliche Merkmale; nicht jeder
leidet unter physichen und seelischen Schwierigkeiten in der Kindheit und im
Erwachsenenleben gleich stark. Auch das haben wir uns nicht ausgesucht, aber
wir können uns die Einstellung, die Prioritäten, das Verhalten und den
„Lebensstil” aussuchen, die sich daraus ergeben.
Ein
wichtiger Aspekt unserer Lehre in diesem Punkt ist die Unterscheidung
zwischen Freiheit und Entscheidungsfreiheit. Unsere Freiheit kann durch
bestimmte Umstände eingeschränkt sein, aber die gottgegebene
Entscheidungsfreiheit kann nicht durch äußere Kräfte beschnitten werden, da
sie die Grundlage unserer Verantwortlichkeit vor dem Herrn ist. Der
Unterschied zwischen Freiheit und Entscheidungsfreiheit lässt sich an der
Kette Gefühl-Gedanke-Verhalten-Abhängigkeit veranschaulichen. Diese Kette
läst sich in verschiedenen Bereichen beobachten, beispielsweise beim
Glücksspiel oder beim Gebrauch von Tabak oder Alkohol.
So
wie manche Manschen offenbar anders empfinden als andere, so scheinen andere
wiederum besonders empfänglich für bestimmte Verhaltensweisen, Reaktionen,
oder Abhängigkeiten zu sein. Villeicht ist das angeboren oder ohne eigenes
Dazutun gelernt worden, so wie das nicht näher bezeichnete Leiden, das der
Apostel Paulus als Stachel im Fleisch bezeichnet hat, „ein Bote Satans, der
mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe” (2. Korinter
12:7). Der eine fühlt sich vielleicht zum Glücksspiel hingezogen, gerät dann
aber – im Gegensatz zu anderen, die nur manchmal zum Vergnügen spielen – in
den Sog der Spielleidenschaft. Ein anderer wiederum findet Geschmack am
Tabak und wird schnell süchtig. Wieder ein anderer trinkt über die Maßen
gerne Alkohol und gerät dadurch rasch in den Strudel des Alkoholismus. Es
gibt noch weitere Beispiel – Unbeherrschtheit, Streitsucht, Neid usw.
In
den genannten (und noch möglichen weiteren) Fällen sind die Gefühle und
Eigenschaften, die einen Menschen besonders anfällig für ein bestimmtes
Verhalten machen, möglicherweise in gewisser Weise ererbt. Doch das ist ein
sehr komplexer Bereich, denn diese ererbte Neigung ist unter Umständen
nichts weiter als die ewas erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Betreffende
bestimmte Gefühle erwerben wird, sofern er während seiner Entwicklungsjahre
bestimmten Einflüssen ausgesetzt ist. Doch ungeachtet dessen, wo wir
empfänglich oder verwundbar sein mögen, was ja nur eine Variante unserer
Freiheit hier auf der Erde darstellt (hier auf der Erde sind wir ja nur
„gemäß dem Fleische frei” [2. Nephi 2:27]), bleiben wir doch für das
verantwortlich, was wir in Ausübug unserer Entscheidungsfreiheit denken und
tun. Ich habe dieses Thema in einer Ansprache behandelt, die ich vor
mehreren Jahren an der Brigham-Young-Universität gehalten habe:
Die meisten Menschen sind mit einem Stachel im
Fleisch geboren [oder ziehen ihn sich zu], von denen der eine sichtbarer und
schwerwiegender ist als der andere. Doch alle Menschen sind wohl für eine
oder andere Abweichung von der Norm empfänglich. Ungeachtet dessen jedoch
haben wir den Willen und die Kraft, unsere Gedanken und unser Verhalten zu
beherrschen. Das muss auch so sein. Gott hat nämlich gesagt, dass er uns für
das, was wir tun und denken, zur Rechenschaft zieht. Deshalb muss es auch
möglich sein, unsere Gedanken und Handlungsweisen durch unsere
Entscheidungsfreiheit zu beherrschen. Wenn wir das Alter beziehungsweise den
Zustand der Verantwortlichkeit erreicht haben, können wir unsere Taten und
Gedanken, die nicht mit den Geboten Gottes in Einklang stehen, nicht mehr
damit entschuldigen, dass wir eben so geboren sind. Wir müssen vielmehr
lernen, so zu leben, dass eine irdische Schwäche uns nicht davon abhält, das
ewige Ziel zu erreichen.
Gott hat verheißen, er werde uns unsere
Bedrängnisse weihen, so dass sie uns zum Gewinn gereichen (siehe 2. Nephi
2:2). Wenn wir uns bemühen, eine ererbte [oder erworbene] Schwäche zu
überwinden, entwickeln wir dadurch geistige Kraft, die uns wiederum in der
Ewigkeit zugute kommen wird. Daher antwortete der Herr, als Paulus ihn
dreimal bat, den Stachel aus seinem Fleisch zu ziehen: „Meine Gnade genügt
dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.” Gehorsam änderte
Paulus also seine Einstellung folgendermaßen:
„Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit
rühmen; damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich
meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die
ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dan binn ich stark” (2.
Korinther 12:9-10).
Wofür wir auch empfänglich sein mögen, wo auch
immer unsere Neigungen liegen mögen – sie können nur dann Folgen für die
Ewigkeit nach sich ziehen, wenn wir unsere Entscheidungsfreiheit dahingehend
ausüben, dass wir das tun oder denken, was uns die Gebote Gottes untersagen.
Wenn jemand beispielsweise eine Schwäche für Alkohol hat, so wird dadurch
seine Freiheit eingeschränkt, Alkohol zu trinken, ohne süchtig zu werden.
Seine Entscheidungsfreiheit gestattet es ihm jedoch, sich des Alkohols zu
enthalten und so der physichen Schwächung zu entgehen, die der Alkohol und
die geistigen Folgen der Sucht mit sich bringen. ...
Wir müssen uns vor dem Argument hüten, jemand, der
sich zu etwas besonders stark hingezogen fühle, könne nicht frei entscheiden
und sei daher auch nicht für sein Verhalten verantwortlich. Dieser Einwand
steht nämlich in krassem Gegensatz zu den grundlegenden Lehren des
Evangeliums Jesu Christi.
Der Satan will uns einreden, wir seien hier auf
der Erde für nichts verantwortlich. Das hat er ja auch schon in dem Kampf im
Himmel versucht. Wer sich einredet, er sei nicht daüur verantwortlich, wie
er seine Entscheidungsfreiheit ausübt, weil er eben so geboren sei, der
versucht, den Ausgang des Kampfes im Himmel zu ignorieren. Wir sind
verantwortlich, und wenn wir etwas anderes behaupten, lassen wir uns vor den
Karren des Wiedersachers spannen.
Es ist ein Gesetz des Lebens, dass der Mensch
Verantwortung trägt. Dieser Grundsatz ist im Gesetz der Menschen und im
Gesetz Gottes verankert. Die Gesellschaft zieht den Menschen dafür zur
Rechenschaft, wie er seine Neigungen auslebt, denn sonst könnten wir nicht
in einer zivilisierten Umgebung leben. Gott zieht seine Kinder dafür zur
Rechenschaft, wie sie mit ihren Neigungen umgehen, damit sie seine Gebote
halten und sich über ihre Bestimmung in der Ewigkeit klar werden können. Das
Gesetz schützt niemanden, der aufgrund seiner Unbeherrschtheit dem Impuls
nachgibt, den, der ihn quält, zu töten, oder der habgierig ist und dem
Impuls zum Stehlen nachgibt, auch niemanden, der pädophil veranlagt ist und
dem Impuls nachgibt, seine sexuellen Bedürfinisse mit Kindern zu stillen.
...
Es gibt so vieles, was wir über das Ausmaß der
Freiheit bezüglich der verschiedenen Stachel im Fleish, die uns hier auf der
Erde quälen, nicht wissen. Aber eins wissen wir: alle Menschen besitzen
Entscheidungsfreiheit und Gott zieht uns dafür, wie wir die
Entscheidungsfreiheit in Gedanken und in der Tat ausüben, zur Rechenschaft.
Das is ein Grundprinzip” (“Free Agency and Freedom,”
Brigham Young University 1987-88 Devotional and
Fireside Speeches, 1988, BYU Publications, Provo, Utah, USA,
S.46-47; Zitat hier aus Monte S. Nyman and Charles D. Tate, Jr., eds.,
The Book of Mormon: Second Nephi, The Doctrinal
Structure, 1989, BYU Religious Studies Center, Provo, Utah, USA,
S.13-15).
Wissenschaftliche
Erkenntnisse
So wie wir die gleichgeschlechtliche Anziehung unter dem
Gesichtspunkt unserer Lehre betrachten, so betrachten andere sie
ausschließlich unter dem Gesichtspunkt wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ich
bin zwar kein Naturwissenschaftler, aber ich möchte anhand von
wissenschaftlicher Literatur und qualifizierten Ratschlägen von
Wissenschaftlern und Fachleuten die Behauptung widerlegen, Menschen, die
sich als Homosexuelle und Lesben bezeichnen, seien „von Natur aus so”.
Wir
leben in einer Zeit, in der sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse in
bezug auf den menschlichen Körper geradezu überstürzen. Wir wissen, dass
viele unserer körperlichen Merkmale auf Vererbung zurückzuführen sind. Wie
wissen aber auch, dass unser Verhalten in hohem Maß von pyschosozialen
Faktoren beeinflusst wird, beispielsweise von der Beziehung zu Eltern und
Geschwistern (vor allem während der ersten Lebensjahre) sowie von der
Kultur, zu der wir gehören. Der Streit darum, ob ein bestimmtes Verhalten
auf „Vererbung” oder „Erziehung” zurückzuführen ist, schwelt schon seit
vielen Jahrhunderten. Wenn man ihn auch auf das Thema gleichgeschlechtliche
Gefühle und Verhaltensweisen überträgt, so beleuchtet man damit nur eine
Seite eines überaus komplizierten Themas, bei dem die Wissenschaft noch in
den Kinderschuhen steckt.
Manche Wissenschaftler behaupten, das Verhalten des Menschen sei nicht
genetisch bestimmt (R. C. Lewontin u.A., Not in
Our Genes, 1984, Pantheon Books, New York, USA; R. Hubbard & E.
Wald, Exploding the Gene Myth, 1993,
Beacon Press, Boston, Massachusetts, USA). Andere wiederum vertreten die
Auffassung beziehungsweise die Theorie, es gebe sehr wohl „ernstzunehmende
Hinweise darauf, dass sich genetische Faktoren auf die sexuelle Orientierung
auswirken können” (R. C. Friedman & J. Downey, “Neural Biology and Sexual
Orientation: Current Relationships,” Journal of
Neuropsychiatry 5, 1993, S.149).
Wir
sind uns natürlich dessen bewusst, dass die Anfälligkeit für bestimmte
Krankheiten wie verschiedene Krebsformen und Diabetes mellitus erblich
beeinflusst ist. Es gibt auch Theorien und Hinweise dazu, dass bei
verschiedenen Störungen wie Aggressivität, Alkoholismus und Fettsucht die
Erbanlagn eine Rolle spielen können. Das kann allerdings schnell zu der
Schlussfolgerung führen, diese Faktoren spielten auch bei der sexuellen
Orientierung eine Rolle. Wir dürfen jedoch folgendes nicht vergessen, und
dies wird von zwei Verfechtern dieser Theorie bestätigt: „Dass eine
Erbanlage vorhanden ist, bedeutet nicht, dass sie auch unausweichlich zum
Tragen kommt ... Viele Eigenschaften sind wahrscheinlich sowohl auf die
Erbanlagen als auch auf Umwelfeinflüsse zurückzuführen” (Ibid).
Wo
auch immer ein Wissenschaftler auf der Skala zwischen völliger Ablehnung und
vorbehaltloser Annahme der Meinung steht, die sexuelle Orientierung sei
biologisch determiniert – die meisten Wissenschaftler geben zu, dass die
derzeitige Beweislage nicht ausreicht und dass gesicherte Schlussfolgerungen
erst nach vielen weiteren wissenschaftlichen Studien möglich sein werden.
In
einer Studie mit 56 männlichen eineiigen Zwillingspaaren, von denen einer
sich selbst als „schwul” bezeichnete, wird berichtet, dass sich 52 Prozent
der Zwillingsbrüder ebenfalls für „schwul” hielten (J. M. Bailey & R. C.
Pillard, “A Genetic Study of Male Sexual Orientation,”
Archives of General Psychiatry 48, 1991,
S.1089-1096). Eine änliche Studie mit eineiigen Zwillingsschwestern ergab
ein ähnliches Verhältnis (34 von 71 Paaren beziehungsweise 48 Prozent) (J.
M. Bailey & R. C. Pillard, u.A., “Heritable Factors Influence Sexual
Orientation in Women,” Archives of General
Psychiatry 50, 1993, S.217-223). Falls sich aus diesen Studien
überhaupt ableiten lässt, dass die Erbanlagen einen Einfluss darauf haben,
ob jemand sich als homosexuell beziehungsweise lesbisch bezeichnet, so wird
doch auch klar, dass die Erbanlagen nicht allein aussschlaggebend sind. Ein
bekannter Wissenschaftler meint dazu: „Selbst der eineiige Zwillingsbruder
eines Schwulen hat die über fünfzigprozentige Chance, heterosexuell zu sein,
und das, obwohl er exakt die gleichen Gene besitzt und von denselben Eltern
erzogen wurde” (D. Hamer & P. Copeland, The
Science of Desire, 1994, Simon & Schuster, New York, USA, S.218).
Wie müssen uns auch vor Augen halten, dass die Ergebnisse derartiger (und
noch anderer, weiter unten erwähnter Studien) auf der Selbsteinschätzung der
Testpersonen beruhen. Dies ist natürlich keine sichere wissenschaftliche
Grundlage, und außerdem gibt es „bei Verhaltensforschern und Klinikern keine
allgemein akzeptierte Definition von Homosexualität, geschweige denn eine
Übereinstimmung hinsichtlich ihres Ursprungs” (W. Byne & B. Parsons, “Human
Sexual Orientation: The Biological Theories Reappraised,”
Archives of General Psychiatry 50, 1993,
S.228).
In
jedem neuen wissenschaftlichen Forschungsgepiet sind neue Beweise höchst
willkommen. Im Juli 1993 machte Dr. Dean Hamer weltweit Schlagzeilen, als er
bekanntgab, er habe einen, „statistich bedeutsamen Zusammenhang zwischen der
Vererbung genetischer Merkmale (einem nachweisbaren DNA-Strang) im
Chromosombereich Xq28 und den sexuellen Neigungen einer ausgewählten Gruppe
von ... homosexuellen Männern und ihrer Verwandten gefunden, die älter waren
als 18 Jahre.” Anders ausgedrükt: „Es scheint so zu sein, dass Xq28 ein Gen
enthält, das zur männlichen homosexuellen Orientierung beiträgt” (Dean Hamer
& others, “A Linkage Between DNA Markers on the X Chromosome and Male Sexual
Orientation,” Science 261, 16. Juli
1993, S.321-327). Dr. Hamer hat über seine Erkenntnisse ein Buch
geschrieben, in dem er ausführlich auf die Interpretation seiner Entdeckung
eingeht und zu folgendem Schluss kommt:
„Wir
können nur vermuten, welche Bedeutung Xq28 für die Bevölkerung insgesamt
hat. Auf jeden Fall können dadurch höchstens 67 Prozent der schwulen Männer
beeinflusst sein, nämlich der Prozentsatz, der in unserer ausgewählten
Gruppe von schwulen Brüdern zu Tage trat. Falls die Homosexulität aber zum
größten Teil durch Umweltfaktoren oder durch eine Vielzahl von miteinander
in Verbindung stehenden Genen beeinflusst wird, kann Xq28 die sexuelle
Orientierung eines Mannes nur zu einem geringen Prozentsatz beeinflussen.
Die uns zur Verfügung stehenden Informationen sowie die Ergebnisse unserer
Zwillings- und Familienstudien ergeben, dass Xq28 bei etwa 5 bis 30 Prozent
der schwulen Männer eine gewisse Rolle spielt. Daran zeigt sich, dass noch
viel Arbeit zu leisten ist” (The Science of
Desire, S.145-146).
Bei
5 bis 30 Prozent der sich selbst als „schwul” bezeichnenden Männer „eine
gewisse Rolle” – diese Erkenntnis ist natürlich weit von der Behauptung
entfernt, die Wissenschaft habe nachgewiesen, dass „Homosexalität” durch
Vererbung „verursacht” sei. Ein herausragender Wissenschaftler nennt noch
zwei weitere Unsicherheitsfaktoren:
„Die Beweise, die wir derzeit dafür haben, dass
Homosexulität auf angeborene biologische Eigenschaften zurückzuführen ist,
sind mehr als dürftig. ... Wenn man die genetische Forschung, die behauptet.
Homosexualität sei erblich bedingt, näher untersucht, stellt man fest dass
weder klar ist, was vererbbar ist, noch wie sich das auf die sexuelle
Orientierung auswirkt” (W. Byne, “The Biological Evidence Challenged,”
Scientific American, Mai 1994, S.50-55).
In
ihrer eindrucksvollen Neubewertung der biologischen Theorien zur sexuellen
Orientierung äußern Dr. Byne und Dr. Parsons von der psychiatrischen
Fakultät der University of Columbia die folgenden wichtigen Warnungen und
Anregungen:
„Es ist dringend erforderlich dass Kliniker und
Verhaltensforscher sich bewusst machen, wie kompliziert die sexuelle
Orientierung ist. Sie müssen dem Drang wiederstehen, sich vereinfachende
Erklärungen zurechtzulegen, ob psychosozial oder biologisch.
„Es fällt auf, dass die meisten theoretischen Abhandlungen
zum Ursprung der sexuellen Orientierung sich nicht dazu äußern, wie der
einzelne seine Identität aktiv gestaltet. ... Wir schlagen ein
Interaktionsmodell vor, nach dem Gene und Hormone nicht an sich schon die
sexuelle Orientierung bestimmen, sondern wo die Persönlichkeitsmerkmale des
einzelnen bestimmen, wie er mit seiner Umgebung interagiert, wodurch sich
seine sexuelle Orientierung und andere Eigenschaften allmählich entwickeln”
(W. Byne & B. Parsons, Human Sexual Orientation,
S.236-37).
Diese Ansicht, bei der es sich nur um eine von vielen Anregungen von
Wissenschaftlern handelt, ist besonders überzeugend, weil sie auch das
wesentliche Element Entscheidungsfreiheit einbezieht, von der wir ja wissen,
dass sie ein wahrer Grundsatz des Erdenlebens ist.
Die
Aufgaben der Kirchenführer und der Mitglieder
In
ihrem Brief vom 14. November 1991 zum Thema Keuschheut hat die Erste
Präsidentschaft verkündet: „Sexuelle Beziehungen darf es nur zwischen
Ehemann und Ehefrau im Bund der Ehe geben. Alle anderen sexuellen Kontakte –
Unzucht, Ehebruch, homosexuelles und lesbisches Verhalten – sind Sünde.”
Gemäß dieser Richtlinie ist es die Aufgabe der Führer der Kirche, Übertreter
zur Umkehr aufzurufen und ihnen den Grundsatz vor Augen zu führen, den schon
der Prophet Samuel den schlechten Nephiten gegenüber geäußert hat: „Ihr habt
alle Tage eures Lebens nach dem getrachtet, was ihr nicht erlangen konntet;
und ihr habt das Glücklischsein darin gesucht, dass ihr Übles getan habt,
und das ist gegen die Natur jener Rechtschaffenheit, die dem Großen und
Ewigen, der unser Haupt ist, innewohnt” (Helaman 13:38).
Niemand kann sich fortgesetzt einer schwerwiegenden Sünde schuldig machen
und dennoch Mitglied der Kirche bleiben. Auch wer andere zum Sündigen
ermuntert, wird zur Rechenschaft gezogen. Es gibt in der Kirche zwar keine
Disziplinarmaßnahmen für unangemessene Gedanken (allerdings wird Wert darauf
gelegt, dass man dagegensteuert), aber jedes Verhalten zieht Folgen nach
sich. In der selben Predigt, in der der Herr lehrte, jemand solle nicht
„ausgestoßen” werden, gebote er seinen Dienern auch: „Ihr sollt nicht
zulassen, dass irgend jemand von meinem Fleisch und Blut wissentlich
unwürdig nimmt, ... wenn ihr wisst, dass ein Mensch nicht würdig ist ... so
sollt ihr es ihm verbieten” (3. Nephi 18:28-30). Jesus Christus hat auch
geboten: „Wenn er aber nicht umkehrt, so soll er meinem Volk nicht zugezählt
werden, damit er nicht mein Volk zerschlage” (3. Nephi 18:31; siehe auch
Mosiah 26:36; Alma 5:56-61). Wenn ein Übertreter dem Aufruf zur Umkehr also
nicht folgt, müssen die Hirten der kirchlichen Herde in Erfüllung der
Aufgabe, die Gott ihnen übertragen hatt, Disziplinarmaßnahmen ergreifen.
Wir müssen aber auch immer zwischen sündigem Verhalten und
unangemessenen Gefühlen und möglicherweise gefährlichen Neigungen
underscheiden. Wenn jemand darum ringt, der Versuchung zu widerstehen,
müssen wir uns liebevoll um ihn bemühen. Die Erste Präsidentschaft hat uns
das in dem oben erwähnten Brief von 14. November 1991 gezeigt. Nach dem oben
erwähnten Zitat, dem zufolge Unzucht, Ehebruch und homosexuelles und
lesbisches Verhalten Sünde sind, heißt es nämlich weiter:
„Wer in diesen Bereichen für sich und seine Familie Hilfe
braucht, der soll sich an seinen Bischof, seinen Zweigpräsidenten oder
seinen Pfahl- beziehungsweise Missionspräsidenten wenden. Wir fordern die
Führer und die Mitglieder der Kirche auf, allen, die in den genannten
Bereichen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, mit Liebe und Verständnis zu
begegnen. Viele nehmen aufgrund der christlichen Liebe, die ihnen
entgegengebracht wird, und aufgrund inspirierten Rats die Einladung an, in
die Kirche züruck zukehren, und lassen die sühnende und heiligende Kraft
Jesu Christi für sich wirksam werden“ (siehe Jesaja 54:4-5; Mosia 4:2-3).
In
einer Konferenzansprache hat Präsident Gordon B. Hinckley zu diesem Thema
etwas Ähnliches gesagt:
„Ich möchte nachdrücklich betonen, dass unsere Abscheu vor
der bitteren Frucht der Sünde mit christlicher Liebe für ihre Opfer – seinen
sie nun schuldig oder schuldlos – verbunden ist. Wir verweisen in diesem
Zusammenhang auf den Herrn, der zwar die Sünde verurteilt, aber den Sünder
liebt. Auch wir müssen uns gütig und tröstend um die Bedrängten bemühen, auf
ihre Bedürfnisse eingehen und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfen”
(Gordon B. Hinkley, “Reverence and Morality,”
Ensign, Mai 1997, S.47).
Trotz solcher Aufforderungen und Zusicherungen wird die Position der Kirche
und ihrer Mitglieder in dieser Angelegenheit häufig noch missverstanden. Im
letzten Herbst wurde ein Führer der Kirche in einem Fernsehinterview
gefragt: „Was tut die Kirche, um dem Hass auf Homosexuelle
entgegenzuwirken?” Vor neun Jahren wurde ich selbst in einem
Fernsehinterview zu diesem Thema gefragt, ob es stimme, dass die Kirche
lehre, „solche Menschen seien irgendwie Parias ... und hassten sich selbst,
was auf die Einstellung zurückzuführen sie, die die Kirche ihnen gegenüber
äußere.”
Noch
bedeutsamer ist aber, dass auch glaubenstreue Mitglieder solche Fragen
äußern. In eimen Brief stand vor kurzem:
„Ein anderer Punkt, der uns am Herzen liegt, ist
die Art und Weise, wie unsere Söhne und Töchter als Menschen eingestuft
werden, die sich abweichend und lasziv verhalten. Velleicht tun einige das,
aber die meisten sicherlich nicht. Diese jungen Männer und Frauen wollen
doch bloß überleben, ein geistiges Leben haben und ihrer Familie und der
Kirche nahe bleiben. Es ist besonders schädlich, wenn diese negativen
Äußerungen vom Rednerpult aus gemacht werden. Wir glauben, dass es dadurch
nur zu weiteren Depressionen und großen Schuld- und Schamgefühlen kommt, die
zum Verlust der Selbstachtung führen, was sie ja schon ihr Leben lang
durchgemachen. Manchmal mangelt es den Mitgliedern wirklich an der reinen
Christusliebe, die den Betroffenen in ihren Schwierigkeiten helfen könnte.
Wir sind dankbar für alles, was Sie tun können, um diesen so häufig
missverstandenen Kindern des himmlischen Vaters zu helfen. Wenn manche der
Generalauthoritäten einfühlsamer auf dieses Problem eingehen könnten, so
würden sicher mancher Selbstmord und manche Spaltungen innerhalb der
Familien verhindert. Viele können es einfach nicht ertragen, dass die
Mitglieder sie als ‚schlecht’ bezeichnen. So suchen sie Trost in
homosexueller Lebensführung“ (Brief an Dallin H. Oaks, 3. September 1994).
Solche Briefe machen deutlich, dass wir das Gespräch mit den Brüdern und
Schwestsern, die mit Problemen zu kämpfen haben – mit welchen Problemen auch
immer –, fördern müssen. Jedes Mitglied der Kirche Christi hat eine Aufgabe,
die in der Lehre der Kirche ganz deutlich zum Ausdruck kommt, nämlich Liebe
zu zeigen, Hilfe anzubieten und Verständnis aufzubringen. Wer gesündigt hat
oder wer sich bemüht, unangemessene Gefühle zu bekämpfen, darf nicht
ausgestoßen werden; wir müssen ihm vielmehr Liebe entgegenbringen und ihm
helfen (siehe 3. Nephi 18:22-23,30,32). Aber die Führer und die Mitglieder
der Kirche dürfen sich auch nicht der Verantwortung entziehen, richtige
Grundsätze und rechtschaffenes Verhalten zu lehren (in allen Punkten),
selbst wenn das bei manchen zu Unbehagen führt.
Die
Führer der Kirche werden manchmal gefragt, ob es in der Kirche Jesu Christi
der Heiligen der Letzten Tage Platz für Menschen mit homosexuellen oder
lesbischen Neigungen beziehungsweise Gefühlen gibt. Naturlich! Es ist sicher
nicht für jeden gleich leicht, sein Verhalten zu ändern und seine Gedanken
zu beherrschen, aber die Kirche schenkt jedem Hoffnung, der sich ernsthaft
bemüht, und streckt ihm die Hand der Gemeinschaft entgegen.
In
der Antwort, die ich dem Fernsehreporter gab, der meinte, die Kirche lehre,
solche Menschen „seien nicht besser als Parias”, versuchte ich, diesen
Gedanken zusammenzufassen. Ich sagte:
„Wer sich bemüht, sich diesen Neigungen zu widersetzen, der
darf sich nicht als ausgestoßen betrachten. Etwas ganz anderes aber sind
sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe. Wer so etwas tut, soll sich sehr
wohl schuldig fühlen. Er soll sehr wohl spüren, dass er sich Gott entfremdet
hat, der solches Verhalten in seinen Geboten untersagt hat. Es wundert mich
nicht, wenn sich so jemand der Kirche entfremdet. Ich finde es allerdings
überraschend, dass er dann meint, die Kirche könnte die Gebote Gottes
widerrufen. ... Der Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war (ein guter
Präzedenzfall), ... brachte Christus Liebe und Barmherzigkeit entgegen. ...
Aber er forderte sie auch auf, nicht weiter zu sündigen. Ich finde, dass die
Kirche das tut, wenn auch vielleicht nicht ganz so vollkommen wie der Herr.
Wir fordern unsere Mitglieder jedenfalls auf, den Sünder zu lieben, aber die
Sünde zu verurteilen” (Television interview with Dallin H. Oaks, 3 Dezember
1986: answer not telecast; excerpts printed in “Apostle Reaffirms Church’s
Position on Homosexuality,” Church News,
14. Februar 1987, S.10,12).
Aber
nicht nur diejenigen, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen,
müssen mit sich ringen. Es gibt viele verschiedene Versuchungen – sexueller
und anderer Art. Für jede Sünde gilt, dass wir ihr widerstehen müssen.
Die
Kirche kann denen, die der Sünde nachgegeben haben oder noch darum ringen,
ihr zu widerstehen, am besten dadurch helfen, dass sie die Mission erfüllt,
die ihr von Gott übertragen worden ist, nämlich die wahre Lehre zu
verkündigen und die heiligen Handlungen des wiederhergestellten Evangeliums
zu vollziehen. Das Evangelium gilt für jeden Menschen. In seinem Mittelpunkt
stehen das Sühnopfer und die Auferstehung Jesu Christi, die uns
Unsterblichkeit und ewiges Leben ermöglichen. Um das zu erreichen, muss
jedes Kind Gottes die ewige Ehe eingehen – entweder in diesem oder im
zukünftigen Leben. Doch dieses heilige Ziel muss auf die Weise des Herrn
erfühllt werden. Präsident Gordon B. Hinckley had beispielsweise gesagt,
„die Ehe dürfe nicht als therapeutische Maßnahme betrachtet werden, mit
deren Hilfe Probleme im Zusammenhang mit homosexuellen Neigungen und
Praktiken gelöst werden können“ (Gordon B. Hinkley,
Reverence and Morality, S.47).
Wer
mit sicht ringt, kann durch Christus und seine Kirche Hilfe erfahren. Diese
Hilfe wird ihm durch Fasten und Beten, durch die Wahrheiten des Evangeliums,
durch den Versammlungsbesuch, durch den Dienst in der Kirche, durch den Rat
inspirierter Führer und – bei Bedarf – auch durch professionelle Berater
zuteil, die bei der Lösung der Probleme helfen. Ein weiterer wichtiger
Aspekt ist die Kraft, die liebevolle Brüder und Schwestern spenden können.
Jeder muss sich dessen bewusst sein, dass jemand, der sich zum eigenen
Geschlecht hingezogen fühlt, was ihm eine schwere Last ist, besonders viel
Liebe und Ansporn braucht. Das gilt übrigens auch für seine Familie. Hier
ist es die Aufgabe der Mitglieder, die ja mit einem Bund bestätigt haben,
dass einer des anderen Last tragen (siehe Mosiah 18:8) und dadurch das
Gesetz Christi erfüllen will (siehe Galater 6:2), diese Liebe und diesen
Ansporn zu geben.
Der
erste Grundsatz des Evangeliums ist der Glaube an den Herrn Jesus Christus,
der uns Licht und die Kraft schenkt, hier auf der Erde Schwierigkeiten zu
bewältigen und die gottgegebene Entscheidungsfreiheit so zu nutzen, dass wir
uns für das entscheiden, was es uns ermöglicht, unsere gottgegebene
Bestimmung zu verwirklichen. Der Herr hat uns verheißen: „Noch ist keine
Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu;
er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er
wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen
könnt” (1. Korinther 10:13).
Zum
Abschluss
Die
verschiedenen Standpunkte der Wissenschaft und der Religionslehre lassen
sich mit folgendem Bild vergleichen: Jemand will die Funktion eines Autos
verstehen und zerlegt es dazu in seine Einzelteile, die er dann analysiert.
Ein anderer hingegen liest die Bedienungssanleitung des Herstellers.
Natürlich kann man durch Zerlegen und Analysieren viel lernen, doch nur in
Teilbereichen. Am meisten erfährt man über das Auto, wenn man die
Bedienungsanleitung des Herstellers liest. Die „Bedienungsanleitung” für
unseren Körper und unsere Seele sind die heiligen Schriften, die von Gott
verfasst wurden, der uns ja erschaffen hat, und die von seinen Propheten
ausgelegt werden. Das ist die beste Möglichkeit, etwas über den Sinn des
Lebens sowie die Gedanken und das Verhalten zu erfahren, das wir an den Tag
legen müssen, um ein glückliches Leben zu führen und unsere gottgegebene
Bestimmung zu verwirklichen.
Jeder, der mit den Herausforderungen der Sterblichkeit ringt, kann sicher in
den Psalm Nephis einstimmen: „Oh, was bin ich doch für ein unglückseliger
Mensch! Ja, mein Herz grämt sich meines Fleisches wegen; meine Seele ist
bekümmert wegen meiner Übeltaten. Ringsum bin ich umschlossen, ja, wegen der
Versuchungen und Sünden, die so leicht über mich kommen” (2. Nephi 4:17-18).
Um
den Willen und die Kraft aufzubringen, der Sünde zu widerstehen, müssen wir
auf Gott vertrauen und um Hilfe beten. Nephi freute sich am Herrn, der ihm
geholfen und ihn durch seine Bedrängnisse geführt hatte (siehe 2. Nephi
4:20). Er fragte: „Warum soll ich mich, meines Fleisches wegen, der Sünde
hingeben?” (2. Nephi 4:27). Dann betete Nephi darum, der Herr möge seine
Seele erlösen und ihn „zittern machen, wenn Sünde sich naht” (2. Nephi
4:31).
Nephi beendet seinen Psalm mit den folgenden Worten, die auch für die
gelten, die mit den in diesem Artikel behandelten Schwerigkeiten ringen:
„O Herr, auf dich habe ich vertraut, und ich will
auf dich vertrauen immerdar. Ich will mein Vertrauen nicht in den Arm des
Fleisches setzen; denn ich weiß: Verflucht ist, wer sein Vertrauen in den
Arm des Fleisches setzt. Ja, verflucht ist, wer sein Vertrauen in Menschen
setzt und Fleisch zu seinem Arm macht. Ja, ich weiß, Gott gibt willig dem,
der bittet” (2. Nephi 4:34-35).
Der
Herr, der uns geboten hat, vollkommen zu sein, hat sein Blut für uns
vergossen, damit wir unsere gottgegebene Bestimmung verwirklichen können. Er
vertraut darauf, dass es uns gelingt, ewiges Leben zu erlangen. Das wird an
der folgenden Aufforderung deutlich: „Was für Männer sollt ihr sein?
Wahrlich, ich sage euch: so, wie ich bin” (3. Nephi 27:27).
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