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Wenn man sich zum eigenen
Geschlecht hingezogen fühlt
 

Elder Dallin H. Oaks Quvom Kollegium der Zwölf Apostel

Der Stern, März 1996, S.14-24


Gott hat uns als Mann und Frau erschaffen. Unser Geschlecht hat unser Leben schon im vorirdischen Dasein maßgeblich bestimmt.

Jeder Heilige der Letzten Tage weiß, dass Gott jede sexuelle Beziehung außerhalb des Ehebunds verboten hat. Und die meisten kennen auch die Lehre Christi, die besagt, dass es Sünde ist, wenn ein Mann eine Frau lüstern ansieht (siehe Matthäus 5:28; LuB 42:23; 63:16).

          Die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau hat der Schöpfer selbst den Menschen mitgegeben, damit der Fortbestand des Lebens auf der Erde gesichert ist und damit Mann und Frau eine Familie gründen und Kinder haben, so wie er es bestimmt hat. Wer Gottes Gebote bezüglich der Zeugungskraft übertritt, begeht eine schwerwiegende Sünde. Präsident Joseph F. Smith gesagt:

„Die sexuelle Vereinigung in der Ehe ist rechtmäßig, und wenn sie mit der richtigen Absicht vollzogen wird, ist sie ehrenhaft und heiligend. Aber jede sexuelle Handlung außerhalb des Ehebunds ist als herabwürdigende Sünde zu betrachten, als abscheulich in den Augen Gottes” (Gospel Doctrine, 5th ed., 1939, Deseret Book, Salt Lake City, Utah, USA, S.309).

          Manche Heiligen der Letzten Tage kennen die Verwirrung und das Leid, das damit verbunden ist, wenn man sich zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen hinreißen läst, oder auch nur die Gefühle, die zu solchem Verhalten führen können. Wie sollen Führer der Kirche, Eltern und andere Mitglieder reagieren, wenn sie mit den Schwierigkeiten konfrontiert werden, die ein solches Verhalten beziehungsweise solche Gefühle im religösen, seelischen und familiären Bereich auslösen? Was sagt man einem jungen Menschen, der gesteht, dass er sich zu jemandem seines Geschlechts hingezogen fühlt oder dass er in jemanden verliebt ist, der demselben Geschlecht angehört? Wie sollen wir reagieren, wenn jemand offenlegt, dass er homosexuell beziehungsweise lesbisch ist und dass ihm diese Eigenschaft nach wissenschaftlichen Erkenntnissen angeboren sei? Was sollen wir tun, wenn Menschen, die nicht unserem Glauben angehören, uns vorwerfen, wir seien intolerant und hartherzig, weil wir daran festhalten, dass es nicht der Norm entspricht, sich in jemanden zu verlieben, der dem selben Geschlecht angehört, und dass alle solchen sexuellen Handlungen Sünde sind?

 Die Lehren des Evangeliums

Unsere Einstellung zu dem Thema wird von den Lehren des Evangeliums bestimmt, von denen wir wissen, dass sie wahr sind.

1.     Gott hat den Menschen „männlich und weiblich” erschaffen (siehe LuB 20:18; Mose 2:27; Genesis 1:27). Unser Geschlecht hat unser Leben schon im vorirdischen Dasein maßgeblich bestimmt (Statement of the First Presidency, 31. Januar 1912; ausgegeben in Improvement Era, März 1912, S.417; siehe auch Millennial Star, 24. August 1922, S.539).

2.     Der Zweck des Erdenlebens und die Mission der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bestehen darin, die Söhne und Töchter Gottes auf ihre Bestimmung vorzubereiten, nämlich so zu werden wie ihre Eltern im Himmel.

3.     Unsere ewige Bestimmung, die Erhöhung im celestialen Reich, ist nur durch das Sühnopfer Jesu Christi möglich geworden (durch das wir „schuldlos vor God” [LuB 93:38] geworden sind und bleiben können). Diese Bestimmung können nur diejenigen erreichen, die als Mann und Frau im Temple Gottes den Bund der ewigen Ehe eingegangen sind und ihn treu eingehalten haben (siehe LuB 131:1-4; 132).

4.     Durch den barmherzigen Plan des himlischen Vaters kann jeder, der hier auf der Erde das Rechte tun wollte, aber unverschuldet nicht die Möglichkeit hatte, die ewige Ehe einzugehen, sich nach dem Erdenleben für das ewige Leben würdig machen, sofern er die Gebote Gottes hält und den Taufbund sowie die übrigen Bündnisse treu einhält (Lorenzo Snow, Millennial Star, 31. August 1899, S.547; diskutiert in Dallin H. Oaks, Pure in Heart, 1988, Bookcraft, Salt Lake City, Utah, USA, S.61-62).

5.     Zusätlich zur reinigenden Kraft des Sühnopfers hat Gott uns die Entscheidungsfreiheit geschenkt, das heißt, die Fähigkeit, zwischen Gut (dem Pfad des Lebens) und Böse (dem Pfad, der zu geistigem Tod und zur Vernichtung führt [siehe 2. Nephi 2:27; Mose 4:3]) zu unterscheiden. Die Umstände hier auf der Erde können unsere Freiheit zwar einschränken (durch Einschränkung unserer Mobilität oder unserer Wahlmöglichkeiten), aber keine sterbliche oder geistige Macht kann uns die Entscheidungsfreiheit nehmen, wenn wir das Alter beziehungsweise den Zustand der Verantwortlichkeit erreicht haben (siehe Moroni 8:5-12; LuB 68:27; 101:78).

6.     Damit ein bestimmter Zweck des Erdenlebens verwirklicht wird, müssen wir durch Gegensätze geprüft werden, damit wir zeigen können, ob wir die Gebote Gottes halten (siehe 2. Nephi 2:11; Abraham 3:25-26). Deshalb dürfen der Satan und seine Anhänger versuchen, uns dazu zu  verleiten, dass wir die Entscheidungsfreiheit dazu nutzen, Böses zu wählen und zu sündigen.

7.     Weil der Satan will, dass „alle Menschen so elend seien wie er selbst” (2. Nephi 2:27), gibt er sich besonders große Mühe, uns u zu solchen Entscheidungen und Handlungsweisen zu überreden, die dem Plan, den Gott für seine Kinder aufgestellt hat, zuwiderlaufen. Er versucht, den Grundsatz der Verantwortlichkeit zu unterhöhlen, uns zu überreden, die heilige Zeugungskraft zu missbrauchen, würdige Männer und Frauen davon abzuhalten, die Ehe zu schließen und Kinder zu bekommen, und die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu verwischen.

8.     Dabei versucht der Teufel, der ja keinen Körper hat, auch noch, die Menschen dazu zu bewegen, dass sie ihren Körper vernichten, indem sie den ewigen Tod wählen, „gemäß dem Wollen des Fleisches, ... wodurch der Geist des Teufels die Macht erlangt, euch gefangenzunehmen und in die Hölle hinabzuführen, damit er in seinem eigenen Reich über euch regieren könne” (2. Nephi 2:29).

9.     Die Erste Präsidentschaft hat verkündet: „Es gibt einen Unterschied zwischen unsittlichen Gedanken und Gefühlen und dem Vollzug unsittlicher heterosexueller oder homosexueller Handlungen” (Letter of the First Presidency, 14. November 1991). Aber auch wenn unsittliche Gedanken weniger schwerwiegend sind als unsittliches Verhalten, muss man sich solchen Gedanken doch widersetzen und davon umkehren, denn es heißt ja, dass unsere Gedanken uns schuldig sprechen werden (siehe Alma 12:14). Unsittliche Gedanken (und alles, was zu solchen Gedanken führt) können sündiges Verhalten bewirken.

10. Weil Gott seine Kinder so sehr liebt, werden einst auch die schlimmsten Sünder (oder jedenfalls fast alle) einem Reich der Herrlichkeit zugeteilt werden (See LuB 76; diskutiert in Dallin H. Oaks, “Apostasy and Restoration,” Ensign, Mai 1995, S.86-87). Wer ein gutes Leben geführt und den größten Teil der zur Errettung notwendigen heiligen Handlungen empfangen hat, sich aber nicht durch die ewige Ehe für die Erhöhung würdig gemacht hat, wird einen geringeren Platz im celestialen Reich erhalten, wo es keine ewige Vermehrung gibt (siehe LuB 131:1‑4).

11.  Inmitten aller Schwierigkeiten und Entscheidungen, vor die das Leben uns stellt, müssen wir das Gebot Jesu Christi befolgen, dass wir einander lieben sollen (siehe Johannes 15:12,17). Die Erste Präsidentschaft hat erst vor kurzem geschrieben:

„Wir müssen freundlicher zueinander sein, liebevoller und vergebungsbereiter. Wie müssen langmütiger und hilfsbereiter sein. Wir müssen allen Menschen die Hand der Freundschaft entgegenstrecken, nicht die Hand der Vergeltung. Wir müssen wahre Jünger Jesu Christi sein und einander mit aufrichtiger Nächstenliebe lieben, denn so hat Christus uns geliebt” (“An Easter Greeting from the First Presidency,” Church News, 15. April 1995, S.1).

Freundlichkeit, Anteilnahme und Liebe helfen uns, schwere Lasten zu tragen, die uns unverschuldet aufgebürdet wurden, und das zu tun, was richtig ist.

 Die Anwendung dieser Lehren und Aufgaben

          Diese Lehren, Gebote und Aufgaben enthalten die Antwort auf die voher gestellten Fragen.

          Unsere Lehren sprechen jeden schuldig, der – verbal oder körperlich – Menschen angreift, die für homosexuelle oder lesbisch gehalten werden.

          Wir müssen allen Menschen, die an einer Krahkheit leiden, auch denen, die HIV-positive sind oder bereits an AIDS erkrankt sind (unabhängig davon, ob ihre Krankheit auf sexuelle Kontakte oder auf andere Ursachen zurückzuführen ist), mit Nächstenliebe begegnen und sie ermuntern, an den Aktivitäten der Kirche teilzunehmen.

          Bezüglich der Unterscheidung der Ersten Präsidentschaft hinsichtlich gleichgeschlechtlicher Beziehungen müssen auch wir zwischen homosexuellen (oder lesbischen) „Gedanken und Gefühlen” (gegen die man ankämpfen muss) und „homosexuellem (oder lesbischem) Verhalten” (einer schwerwiegenden Sünde) unterscheiden.

          Es ist darauf zu achten, dass die Begriffe „homosexuell”, „lesbisch” und „schwul” bestimmte Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen beschreiben. Wir müssen uns davor hüten, diese Adjektive zu substantivieren, um damit einen bestimmten Zustand oder einen bestimmten Menschen zu bezeichnen. Unsere Lehre gibt uns dies vor. Es ist falsch, mit diesen Worten einen Zustand beschreiben zu wollen, denn daraus ließe sich ableiten, dass sich der Betreffende schon von Geburt an in einem bestimmten Zustand befunden hat, der es ihm unmöglich macht, in seinem sexuellen Verhalten frei zu entscheiden.

          Mit Gefühlen ist das etwas anderes. Manche Gefühle scheinen angeboren zu sein, andere wiederum werden durch bestimmte Ereignisse ausgelöst. Darüber hinaus gibt es auch Gefühle, die wohl auf komplexe Zusammenhänge zurückzuführen sind. Jeder Mensch hat Gefühle, die er sich nicht ausgesucht hat, aber das Evangelium Jesu Christi lehrt uns, dass wir auch die Kraft haben, diesen Gefühlen zu widerstehen und sie (bei Bedarf) umzulenken, um sicherzustellen, dass sie und nicht zu unpassenden Gedanken oder sündigem Verhalten verführen.

          Jeder Mensch besitzt unterschiedliche körperliche Merkmale; nicht jeder leidet unter physichen und seelischen Schwierigkeiten in der Kindheit und im Erwachsenenleben gleich stark. Auch das haben wir uns nicht ausgesucht, aber wir können uns die Einstellung, die Prioritäten, das Verhalten und den „Lebensstil” aussuchen, die sich daraus ergeben.

          Ein wichtiger Aspekt unserer Lehre in diesem Punkt ist die Unterscheidung zwischen Freiheit und Entscheidungsfreiheit. Unsere Freiheit kann durch bestimmte Umstände eingeschränkt sein, aber die gottgegebene Entscheidungsfreiheit kann nicht durch äußere Kräfte beschnitten werden, da sie die Grundlage unserer Verantwortlichkeit vor dem Herrn ist. Der Unterschied zwischen Freiheit und Entscheidungsfreiheit lässt sich an der Kette Gefühl-Gedanke-Verhalten-Abhängigkeit veranschaulichen. Diese Kette läst sich in verschiedenen Bereichen beobachten, beispielsweise beim Glücksspiel oder beim Gebrauch von Tabak oder Alkohol.

          So wie manche Manschen offenbar anders empfinden als andere, so scheinen andere wiederum besonders empfänglich für bestimmte Verhaltensweisen, Reaktionen, oder Abhängigkeiten zu sein. Villeicht ist das angeboren oder ohne eigenes Dazutun gelernt worden, so wie das nicht näher bezeichnete Leiden, das der Apostel Paulus als Stachel im Fleisch bezeichnet hat, „ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe” (2. Korinter 12:7). Der eine fühlt sich vielleicht zum Glücksspiel hingezogen, gerät dann aber – im Gegensatz zu anderen, die nur manchmal zum Vergnügen spielen – in den Sog der Spielleidenschaft. Ein anderer wiederum findet Geschmack am Tabak und wird schnell süchtig. Wieder ein anderer trinkt über die Maßen gerne Alkohol und gerät dadurch rasch in den Strudel des Alkoholismus. Es gibt noch weitere Beispiel – Unbeherrschtheit, Streitsucht, Neid usw.

          In den genannten (und noch möglichen weiteren) Fällen sind die Gefühle und Eigenschaften, die einen Menschen besonders anfällig für ein bestimmtes Verhalten machen, möglicherweise in gewisser Weise ererbt. Doch das ist ein sehr komplexer Bereich, denn diese ererbte Neigung ist unter Umständen nichts weiter als die ewas erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Betreffende bestimmte Gefühle erwerben wird, sofern er während seiner Entwicklungsjahre bestimmten Einflüssen ausgesetzt ist. Doch ungeachtet dessen, wo wir empfänglich oder verwundbar sein mögen, was ja nur eine Variante unserer Freiheit hier auf der Erde darstellt (hier auf der Erde sind wir ja nur „gemäß dem Fleische frei” [2. Nephi 2:27]), bleiben wir doch für das verantwortlich, was wir in Ausübug unserer Entscheidungsfreiheit denken und tun. Ich habe dieses Thema in einer Ansprache behandelt, die ich vor mehreren Jahren an der Brigham-Young-Universität gehalten habe:

          Die meisten Menschen sind mit einem Stachel im Fleisch geboren [oder ziehen ihn sich zu], von denen der eine sichtbarer und schwerwiegender ist als der andere. Doch alle Menschen sind wohl für eine oder andere Abweichung von der Norm empfänglich. Ungeachtet dessen jedoch haben wir den Willen und die Kraft, unsere Gedanken und unser Verhalten zu beherrschen. Das muss auch so sein. Gott hat nämlich gesagt, dass er uns für das, was wir tun und denken, zur Rechenschaft zieht. Deshalb muss es auch möglich sein, unsere Gedanken und Handlungsweisen durch unsere Entscheidungsfreiheit zu beherrschen. Wenn wir das Alter beziehungsweise den Zustand der Verantwortlichkeit erreicht haben, können wir unsere Taten und Gedanken, die nicht mit den Geboten Gottes in Einklang stehen, nicht mehr damit entschuldigen, dass wir eben so geboren sind. Wir müssen vielmehr lernen, so zu leben, dass eine irdische Schwäche uns nicht davon abhält, das ewige Ziel zu erreichen.

          Gott hat verheißen, er werde uns unsere Bedrängnisse weihen, so dass sie uns zum Gewinn gereichen (siehe 2. Nephi 2:2). Wenn wir uns bemühen, eine ererbte [oder erworbene] Schwäche zu überwinden, entwickeln wir dadurch geistige Kraft, die uns wiederum in der Ewigkeit zugute kommen wird. Daher antwortete der Herr, als Paulus ihn dreimal bat, den Stachel aus seinem Fleisch zu ziehen: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.” Gehorsam änderte Paulus also seine Einstellung folgendermaßen:

          „Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen; damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dan binn ich stark” (2. Korinther 12:9-10).

          Wofür wir auch empfänglich sein mögen, wo auch immer unsere Neigungen liegen mögen – sie können nur dann Folgen für die Ewigkeit nach sich ziehen, wenn wir unsere Entscheidungsfreiheit dahingehend ausüben, dass wir das tun oder denken, was uns die Gebote Gottes untersagen. Wenn jemand beispielsweise eine Schwäche für Alkohol hat, so wird dadurch seine Freiheit eingeschränkt, Alkohol zu trinken, ohne süchtig zu werden. Seine Entscheidungsfreiheit gestattet es ihm jedoch, sich des Alkohols zu enthalten und so der physichen Schwächung zu entgehen, die der Alkohol und die geistigen Folgen der Sucht mit sich bringen. ...

          Wir müssen uns vor dem Argument hüten, jemand, der sich zu etwas besonders stark hingezogen fühle, könne nicht frei entscheiden und sei daher auch nicht für sein Verhalten verantwortlich. Dieser Einwand steht nämlich in krassem Gegensatz zu den grundlegenden Lehren des Evangeliums Jesu Christi.

          Der Satan will uns einreden, wir seien hier auf der Erde für nichts verantwortlich. Das hat er ja auch schon in dem Kampf im Himmel versucht. Wer sich einredet, er sei nicht daüur verantwortlich, wie er seine Entscheidungsfreiheit ausübt, weil er eben so geboren sei, der versucht, den Ausgang des Kampfes im Himmel zu ignorieren. Wir sind verantwortlich, und wenn wir etwas anderes behaupten, lassen wir uns vor den Karren des Wiedersachers spannen.

          Es ist ein Gesetz des Lebens, dass der Mensch Verantwortung trägt. Dieser Grundsatz ist im Gesetz der Menschen und im Gesetz Gottes verankert. Die Gesellschaft zieht den Menschen dafür zur Rechenschaft, wie er seine Neigungen auslebt, denn sonst könnten wir nicht in einer zivilisierten Umgebung leben. Gott zieht seine Kinder dafür zur Rechenschaft, wie sie mit ihren Neigungen umgehen, damit sie seine Gebote halten und sich über ihre Bestimmung in der Ewigkeit klar werden können. Das Gesetz schützt niemanden, der aufgrund seiner Unbeherrschtheit dem Impuls nachgibt, den, der ihn quält, zu töten, oder der habgierig ist und dem Impuls zum Stehlen nachgibt, auch niemanden, der pädophil veranlagt ist und dem Impuls nachgibt, seine sexuellen Bedürfinisse mit Kindern zu stillen. ...

          Es gibt so vieles, was wir über das Ausmaß der Freiheit bezüglich der verschiedenen Stachel im Fleish, die uns hier auf der Erde quälen, nicht wissen. Aber eins wissen wir: alle Menschen besitzen Entscheidungsfreiheit und Gott zieht uns dafür, wie wir die Entscheidungsfreiheit in Gedanken und in der Tat ausüben, zur Rechenschaft. Das is ein Grundprinzip” (“Free Agency and Freedom,” Brigham Young University 1987-88 Devotional and Fireside Speeches, 1988, BYU Publications, Provo, Utah, USA, S.46-47; Zitat hier aus Monte S. Nyman and Charles D. Tate, Jr., eds., The Book of Mormon: Second Nephi, The Doctrinal Structure, 1989, BYU Religious Studies Center, Provo, Utah, USA, S.13-15).

 Wissenschaftliche Erkenntnisse

So wie wir die gleichgeschlechtliche Anziehung unter dem Gesichtspunkt unserer Lehre betrachten, so betrachten andere sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ich bin zwar kein Naturwissenschaftler, aber ich möchte anhand von wissenschaftlicher Literatur und qualifizierten Ratschlägen von Wissenschaftlern und Fachleuten die Behauptung widerlegen, Menschen, die sich als Homosexuelle und Lesben bezeichnen, seien „von Natur aus so”.

          Wir leben in einer Zeit, in der sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse in bezug auf den menschlichen Körper geradezu überstürzen. Wir wissen, dass viele unserer körperlichen Merkmale auf Vererbung zurückzuführen sind. Wie wissen aber auch, dass unser Verhalten in hohem Maß von pyschosozialen Faktoren beeinflusst wird, beispielsweise von der Beziehung zu Eltern und Geschwistern (vor allem während der ersten Lebensjahre) sowie von der Kultur, zu der wir gehören. Der Streit darum, ob ein bestimmtes Verhalten auf „Vererbung” oder „Erziehung” zurückzuführen ist, schwelt schon seit vielen Jahrhunderten. Wenn man ihn auch auf das Thema gleichgeschlechtliche Gefühle und Verhaltensweisen überträgt, so beleuchtet man damit nur eine Seite eines überaus komplizierten Themas, bei dem die Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckt.

          Manche Wissenschaftler behaupten, das Verhalten des Menschen sei nicht genetisch bestimmt (R. C. Lewontin u.A., Not in Our Genes, 1984, Pantheon Books, New York, USA; R. Hubbard & E. Wald, Exploding the Gene Myth, 1993, Beacon Press, Boston, Massachusetts, USA). Andere wiederum vertreten die Auffassung beziehungsweise die Theorie, es gebe sehr wohl „ernstzunehmende Hinweise darauf, dass sich genetische Faktoren auf die sexuelle Orientierung auswirken können” (R. C. Friedman & J. Downey, “Neural Biology and Sexual Orientation: Current Relationships,” Journal of Neuropsychiatry 5, 1993, S.149).

          Wir sind uns natürlich dessen bewusst, dass die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten wie verschiedene Krebsformen und Diabetes mellitus erblich beeinflusst ist. Es gibt auch Theorien und Hinweise dazu, dass bei verschiedenen Störungen wie Aggressivität, Alkoholismus und Fettsucht die Erbanlagn eine Rolle spielen können. Das kann allerdings schnell zu der Schlussfolgerung führen, diese Faktoren spielten auch bei der sexuellen Orientierung eine Rolle. Wir dürfen jedoch folgendes nicht vergessen, und dies wird von zwei Verfechtern dieser Theorie bestätigt: „Dass eine Erbanlage vorhanden ist, bedeutet nicht, dass sie auch unausweichlich zum Tragen kommt ... Viele Eigenschaften sind wahrscheinlich sowohl auf die Erbanlagen als auch auf Umwelfeinflüsse zurückzuführen” (Ibid).

          Wo auch immer ein Wissenschaftler auf der Skala zwischen völliger Ablehnung und vorbehaltloser Annahme der Meinung steht, die sexuelle Orientierung sei biologisch determiniert – die meisten Wissenschaftler geben zu, dass die derzeitige Beweislage nicht ausreicht und dass gesicherte Schlussfolgerungen erst nach vielen weiteren wissenschaftlichen Studien möglich sein werden.

          In einer Studie mit 56 männlichen eineiigen Zwillingspaaren, von denen einer sich selbst als „schwul” bezeichnete, wird berichtet, dass sich 52 Prozent der Zwillingsbrüder ebenfalls für „schwul” hielten (J. M. Bailey & R. C. Pillard, “A Genetic Study of Male Sexual Orientation,” Archives of General Psychiatry 48, 1991, S.1089-1096). Eine änliche Studie mit eineiigen Zwillingsschwestern ergab ein ähnliches Verhältnis (34 von 71 Paaren beziehungsweise 48 Prozent) (J. M. Bailey & R. C. Pillard, u.A., “Heritable Factors Influence Sexual Orientation in Women,” Archives of General Psychiatry 50, 1993, S.217-223). Falls sich aus diesen Studien überhaupt ableiten lässt, dass die Erbanlagen einen Einfluss darauf haben, ob jemand sich als homosexuell beziehungsweise lesbisch bezeichnet, so wird doch auch klar, dass die Erbanlagen nicht allein aussschlaggebend sind. Ein bekannter Wissenschaftler meint dazu: „Selbst der eineiige Zwillingsbruder eines Schwulen hat die über fünfzigprozentige Chance, heterosexuell zu sein, und das, obwohl er exakt die gleichen Gene besitzt und von denselben Eltern erzogen wurde” (D. Hamer & P. Copeland, The Science of Desire, 1994, Simon & Schuster, New York, USA, S.218). Wie müssen uns auch vor Augen halten, dass die Ergebnisse derartiger (und noch anderer, weiter unten erwähnter Studien) auf der Selbsteinschätzung der Testpersonen beruhen. Dies ist natürlich keine sichere wissenschaftliche Grundlage, und außerdem gibt es „bei Verhaltensforschern und Klinikern keine allgemein akzeptierte Definition von Homosexualität, geschweige denn eine Übereinstimmung hinsichtlich ihres Ursprungs” (W. Byne & B. Parsons, “Human Sexual Orientation: The Biological Theories Reappraised,” Archives of General Psychiatry 50, 1993, S.228).

          In jedem neuen wissenschaftlichen Forschungsgepiet sind neue Beweise höchst willkommen. Im Juli 1993 machte Dr. Dean Hamer weltweit Schlagzeilen, als er bekanntgab, er habe einen, „statistich bedeutsamen Zusammenhang zwischen der Vererbung genetischer Merkmale (einem nachweisbaren DNA-Strang) im Chromosombereich Xq28 und den sexuellen Neigungen einer ausgewählten Gruppe von ... homosexuellen Männern und ihrer Verwandten gefunden, die älter waren als 18 Jahre.” Anders ausgedrükt: „Es scheint so zu sein, dass Xq28 ein Gen enthält, das zur männlichen homosexuellen Orientierung beiträgt” (Dean Hamer & others, “A Linkage Between DNA Markers on the X Chromosome and Male Sexual Orientation,” Science 261, 16. Juli 1993, S.321-327). Dr. Hamer hat über seine Erkenntnisse ein Buch geschrieben, in dem er ausführlich auf die Interpretation seiner Entdeckung eingeht und zu folgendem Schluss kommt:

          „Wir können nur vermuten, welche Bedeutung Xq28 für die Bevölkerung insgesamt hat. Auf jeden Fall können dadurch höchstens 67 Prozent der schwulen Männer beeinflusst sein, nämlich der Prozentsatz, der in unserer ausgewählten Gruppe von schwulen Brüdern zu Tage trat. Falls die Homosexulität aber zum größten Teil durch Umweltfaktoren oder durch eine Vielzahl von miteinander in Verbindung stehenden Genen beeinflusst wird, kann Xq28 die sexuelle Orientierung eines Mannes nur zu einem geringen Prozentsatz beeinflussen. Die uns zur Verfügung stehenden Informationen sowie die Ergebnisse unserer Zwillings- und Familienstudien ergeben, dass Xq28 bei etwa 5 bis 30 Prozent der schwulen Männer eine gewisse Rolle spielt. Daran zeigt sich, dass noch viel Arbeit zu leisten ist” (The Science of Desire, S.145-146).

          Bei 5 bis 30 Prozent der sich selbst als „schwul” bezeichnenden Männer „eine gewisse Rolle” – diese Erkenntnis ist natürlich weit von der Behauptung entfernt, die Wissenschaft habe nachgewiesen, dass „Homosexalität” durch Vererbung „verursacht” sei. Ein herausragender Wissenschaftler nennt noch zwei weitere Unsicherheitsfaktoren:

„Die Beweise, die wir derzeit dafür haben, dass Homosexulität auf angeborene biologische Eigenschaften zurückzuführen ist, sind mehr als dürftig. ... Wenn man die genetische Forschung, die behauptet. Homosexualität sei erblich bedingt, näher untersucht, stellt man fest dass weder klar ist, was vererbbar ist, noch wie sich das auf die sexuelle Orientierung auswirkt” (W. Byne, “The Biological Evidence Challenged,” Scientific American, Mai 1994, S.50-55).

          In ihrer eindrucksvollen Neubewertung der biologischen Theorien zur sexuellen Orientierung äußern Dr. Byne und Dr. Parsons von der psychiatrischen Fakultät der University of Columbia die folgenden wichtigen Warnungen und Anregungen:

          „Es ist dringend erforderlich dass Kliniker und Verhaltensforscher sich bewusst machen, wie kompliziert die sexuelle Orientierung ist. Sie müssen dem Drang wiederstehen, sich vereinfachende Erklärungen zurechtzulegen, ob psychosozial oder biologisch.

„Es fällt auf, dass die meisten theoretischen Abhandlungen zum Ursprung der sexuellen Orientierung sich nicht dazu äußern, wie der einzelne seine Identität aktiv gestaltet. ... Wir schlagen ein Interaktionsmodell vor, nach dem Gene und Hormone nicht an sich schon die sexuelle Orientierung bestimmen, sondern wo die Persönlichkeitsmerkmale des einzelnen bestimmen, wie er mit seiner Umgebung interagiert, wodurch sich seine sexuelle Orientierung und andere Eigenschaften allmählich entwickeln” (W. Byne & B. Parsons, Human Sexual Orientation, S.236-37).

          Diese Ansicht, bei der es sich nur um eine von vielen Anregungen von Wissenschaftlern handelt, ist besonders überzeugend, weil sie auch das wesentliche Element Entscheidungsfreiheit einbezieht, von der wir ja wissen, dass sie ein wahrer Grundsatz des Erdenlebens ist.

 Die Aufgaben der Kirchenführer und der Mitglieder

          In ihrem Brief vom 14. November 1991 zum Thema Keuschheut hat die Erste Präsidentschaft verkündet: „Sexuelle Beziehungen darf es nur zwischen Ehemann und Ehefrau im Bund der Ehe geben. Alle anderen sexuellen Kontakte – Unzucht, Ehebruch, homosexuelles und lesbisches Verhalten – sind Sünde.”

          Gemäß dieser Richtlinie ist es die Aufgabe der Führer der Kirche, Übertreter zur Umkehr aufzurufen und ihnen den Grundsatz vor Augen zu führen, den schon der Prophet Samuel den schlechten Nephiten gegenüber geäußert hat: „Ihr habt alle Tage eures Lebens nach dem getrachtet, was ihr nicht erlangen konntet; und ihr habt das Glücklischsein darin gesucht, dass ihr Übles getan habt, und das ist gegen die Natur jener Rechtschaffenheit, die dem Großen und Ewigen, der unser Haupt ist, innewohnt” (Helaman 13:38).

          Niemand kann sich fortgesetzt einer schwerwiegenden Sünde schuldig machen und dennoch Mitglied der Kirche bleiben. Auch wer andere zum Sündigen ermuntert, wird zur Rechenschaft gezogen. Es gibt in der Kirche zwar keine Disziplinarmaßnahmen für unangemessene Gedanken (allerdings wird Wert darauf gelegt, dass man dagegensteuert), aber jedes Verhalten zieht Folgen nach sich. In der selben Predigt, in der der Herr lehrte, jemand solle nicht „ausgestoßen” werden, gebote er seinen Dienern auch: „Ihr sollt nicht zulassen, dass irgend jemand von meinem Fleisch und Blut wissentlich unwürdig nimmt, ... wenn ihr wisst, dass ein Mensch nicht würdig ist ... so sollt ihr es ihm verbieten” (3. Nephi 18:28-30). Jesus Christus hat auch geboten: „Wenn er aber nicht umkehrt, so soll er meinem Volk nicht zugezählt werden, damit er nicht mein Volk zerschlage” (3. Nephi 18:31; siehe auch Mosiah 26:36; Alma 5:56-61). Wenn ein Übertreter dem Aufruf zur Umkehr also nicht folgt, müssen die Hirten der kirchlichen Herde in Erfüllung der Aufgabe, die Gott ihnen übertragen hatt, Disziplinarmaßnahmen ergreifen.

Wir müssen aber auch immer zwischen sündigem Verhalten und unangemessenen Gefühlen und möglicherweise gefährlichen Neigungen underscheiden. Wenn jemand darum ringt, der Versuchung zu widerstehen, müssen wir uns liebevoll um ihn bemühen. Die Erste Präsidentschaft hat uns das in dem oben erwähnten Brief von 14. November 1991 gezeigt. Nach dem oben erwähnten Zitat, dem zufolge Unzucht, Ehebruch und homosexuelles und lesbisches Verhalten Sünde sind, heißt es nämlich weiter:

„Wer in diesen Bereichen für sich und seine Familie Hilfe braucht, der soll sich an seinen Bischof, seinen Zweigpräsidenten oder seinen Pfahl- beziehungsweise Missionspräsidenten wenden. Wir fordern die Führer und die Mitglieder der Kirche auf, allen, die in den genannten Bereichen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, mit Liebe und Verständnis zu begegnen. Viele nehmen aufgrund der christlichen Liebe, die ihnen entgegengebracht wird, und aufgrund inspirierten Rats die Einladung an, in die Kirche züruck zukehren, und lassen die sühnende und heiligende Kraft Jesu Christi für sich wirksam werden“ (siehe Jesaja 54:4-5; Mosia 4:2-3).

          In einer Konferenzansprache hat Präsident Gordon B. Hinckley zu diesem Thema etwas Ähnliches gesagt:

„Ich möchte nachdrücklich betonen, dass unsere Abscheu vor der bitteren Frucht der Sünde mit christlicher Liebe für ihre Opfer – seinen sie nun schuldig oder schuldlos – verbunden ist. Wir verweisen in diesem Zusammenhang auf den Herrn, der zwar die Sünde verurteilt, aber den Sünder liebt. Auch wir müssen uns gütig und tröstend um die Bedrängten bemühen, auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfen” (Gordon B. Hinkley, “Reverence and Morality,” Ensign, Mai 1997, S.47).

          Trotz solcher Aufforderungen und Zusicherungen wird die Position der Kirche und ihrer Mitglieder in dieser Angelegenheit häufig noch missverstanden. Im letzten Herbst wurde ein Führer der Kirche in einem Fernsehinterview gefragt: „Was tut die Kirche, um dem Hass auf Homosexuelle entgegenzuwirken?” Vor neun Jahren wurde ich selbst in einem Fernsehinterview zu diesem Thema gefragt, ob es stimme, dass die Kirche lehre, „solche Menschen seien irgendwie Parias ... und hassten sich selbst, was auf die Einstellung zurückzuführen sie, die die Kirche ihnen gegenüber äußere.”

          Noch bedeutsamer ist aber, dass auch glaubenstreue Mitglieder solche Fragen äußern. In eimen Brief stand vor kurzem:

          „Ein anderer Punkt, der uns am Herzen liegt, ist die Art und Weise, wie unsere Söhne und Töchter als Menschen eingestuft werden, die sich abweichend und lasziv verhalten. Velleicht tun einige das, aber die meisten sicherlich nicht. Diese jungen Männer und Frauen wollen doch bloß überleben, ein geistiges Leben haben und ihrer Familie und der Kirche nahe bleiben. Es ist besonders schädlich, wenn diese negativen Äußerungen vom Rednerpult aus gemacht werden. Wir glauben, dass es dadurch nur zu weiteren Depressionen und großen Schuld- und Schamgefühlen kommt, die zum Verlust der Selbstachtung führen, was sie ja schon ihr Leben lang durchgemachen. Manchmal mangelt es den Mitgliedern wirklich an der reinen Christusliebe, die den Betroffenen in ihren Schwierigkeiten helfen könnte. Wir sind dankbar für alles, was Sie tun können, um diesen so häufig missverstandenen Kindern des himmlischen Vaters zu helfen. Wenn manche der Generalauthoritäten einfühlsamer auf dieses Problem eingehen könnten, so würden sicher mancher Selbstmord und manche Spaltungen innerhalb der Familien verhindert. Viele können es einfach nicht ertragen, dass die Mitglieder sie als ‚schlecht’ bezeichnen. So suchen sie Trost in homosexueller Lebensführung“ (Brief an Dallin H. Oaks, 3. September 1994).

          Solche Briefe machen deutlich, dass wir das Gespräch mit den Brüdern und Schwestsern, die mit Problemen zu kämpfen haben – mit welchen Problemen auch immer –, fördern müssen. Jedes Mitglied der Kirche Christi hat eine Aufgabe, die in der Lehre der Kirche ganz deutlich zum Ausdruck kommt, nämlich Liebe zu zeigen, Hilfe anzubieten und Verständnis aufzubringen. Wer gesündigt hat oder wer sich bemüht, unangemessene Gefühle zu bekämpfen, darf nicht ausgestoßen werden; wir müssen ihm vielmehr Liebe entgegenbringen und ihm helfen (siehe 3. Nephi 18:22-23,30,32). Aber die Führer und die Mitglieder der Kirche dürfen sich auch nicht der Verantwortung entziehen, richtige Grundsätze und rechtschaffenes Verhalten zu lehren (in allen Punkten), selbst wenn das bei manchen zu Unbehagen führt.

          Die Führer der Kirche werden manchmal gefragt, ob es in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Platz für Menschen mit homosexuellen oder lesbischen Neigungen beziehungsweise Gefühlen gibt. Naturlich! Es ist sicher nicht für jeden gleich leicht, sein Verhalten zu ändern und seine Gedanken zu beherrschen, aber die Kirche schenkt jedem Hoffnung, der sich ernsthaft bemüht, und streckt ihm die Hand der Gemeinschaft entgegen.

          In der Antwort, die ich dem Fernsehreporter gab, der meinte, die Kirche lehre, solche Menschen „seien nicht besser als Parias”, versuchte ich, diesen Gedanken zusammenzufassen. Ich sagte:

„Wer sich bemüht, sich diesen Neigungen zu widersetzen, der darf sich nicht als ausgestoßen betrachten. Etwas ganz anderes aber sind sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe. Wer so etwas tut, soll sich sehr wohl schuldig fühlen. Er soll sehr wohl spüren, dass er sich Gott entfremdet hat, der solches Verhalten in seinen Geboten untersagt hat. Es wundert mich nicht, wenn sich so jemand der Kirche entfremdet. Ich finde es allerdings überraschend, dass er dann meint, die Kirche könnte die Gebote Gottes widerrufen. ... Der Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war (ein guter Präzedenzfall), ... brachte Christus Liebe und Barmherzigkeit entgegen. ... Aber er forderte sie auch auf, nicht weiter zu sündigen. Ich finde, dass die Kirche das tut, wenn auch vielleicht nicht ganz so vollkommen wie der Herr. Wir fordern unsere Mitglieder jedenfalls auf, den Sünder zu lieben, aber die Sünde zu verurteilen” (Television interview with Dallin H. Oaks, 3 Dezember 1986: answer not telecast; excerpts printed in “Apostle Reaffirms Church’s Position on Homosexuality,” Church News, 14. Februar 1987, S.10,12).

          Aber nicht nur diejenigen, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen, müssen mit sich ringen. Es gibt viele verschiedene Versuchungen – sexueller und anderer Art. Für jede Sünde gilt, dass wir ihr widerstehen müssen.

          Die Kirche kann denen, die der Sünde nachgegeben haben oder noch darum ringen, ihr zu widerstehen, am besten dadurch helfen, dass sie die Mission erfüllt, die ihr von Gott übertragen worden ist, nämlich die wahre Lehre zu verkündigen und die heiligen Handlungen des wiederhergestellten Evangeliums zu vollziehen. Das Evangelium gilt für jeden Menschen. In seinem Mittelpunkt stehen das Sühnopfer und die Auferstehung Jesu Christi, die uns Unsterblichkeit und ewiges Leben ermöglichen. Um das zu erreichen, muss jedes Kind Gottes die ewige Ehe eingehen – entweder in diesem oder im zukünftigen Leben. Doch dieses heilige Ziel muss auf die Weise des Herrn erfühllt werden. Präsident Gordon B. Hinckley had beispielsweise gesagt, „die Ehe dürfe nicht als therapeutische Maßnahme betrachtet werden, mit deren Hilfe Probleme im Zusammenhang mit homosexuellen Neigungen und Praktiken gelöst werden können“ (Gordon B. Hinkley, Reverence and Morality, S.47).

          Wer mit sicht ringt, kann durch Christus und seine Kirche Hilfe erfahren. Diese Hilfe wird ihm durch Fasten und Beten, durch die Wahrheiten des Evangeliums, durch den Versammlungsbesuch, durch den Dienst in der Kirche, durch den Rat inspirierter Führer und – bei Bedarf – auch durch professionelle Berater zuteil, die bei der Lösung der Probleme helfen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kraft, die liebevolle Brüder und Schwestern spenden können. Jeder muss sich dessen bewusst sein, dass jemand, der sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlt, was ihm eine schwere Last ist, besonders viel Liebe und Ansporn braucht. Das gilt übrigens auch für seine Familie. Hier ist es die Aufgabe der Mitglieder, die ja mit einem Bund bestätigt haben, dass einer des anderen Last tragen (siehe Mosiah 18:8) und dadurch das Gesetz Christi erfüllen will (siehe Galater 6:2), diese Liebe und diesen Ansporn zu geben.

          Der erste Grundsatz des Evangeliums ist der Glaube an den Herrn Jesus Christus, der uns Licht und die Kraft schenkt, hier auf der Erde Schwierigkeiten zu bewältigen und die gottgegebene Entscheidungsfreiheit so zu nutzen, dass wir uns für das entscheiden, was es uns ermöglicht, unsere gottgegebene Bestimmung zu verwirklichen. Der Herr hat uns verheißen: „Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt” (1. Korinther 10:13).

Zum Abschluss

          Die verschiedenen Standpunkte der Wissenschaft und der Religionslehre lassen sich mit folgendem Bild vergleichen: Jemand will die Funktion eines Autos verstehen und zerlegt es dazu in seine Einzelteile, die er dann analysiert. Ein anderer hingegen liest die Bedienungssanleitung des Herstellers. Natürlich kann man durch Zerlegen und Analysieren viel lernen, doch nur in Teilbereichen. Am meisten erfährt man über das Auto, wenn man die Bedienungsanleitung des Herstellers liest. Die „Bedienungsanleitung” für unseren Körper und unsere Seele sind die heiligen Schriften, die von Gott verfasst wurden, der uns ja erschaffen hat, und die von seinen Propheten ausgelegt werden. Das ist die beste Möglichkeit, etwas über den Sinn des Lebens sowie die Gedanken und das Verhalten zu erfahren, das wir an den Tag legen müssen, um ein glückliches Leben zu führen und unsere gottgegebene Bestimmung zu verwirklichen.

          Jeder, der mit den Herausforderungen der Sterblichkeit ringt, kann sicher in den Psalm Nephis einstimmen: „Oh, was bin ich doch für ein unglückseliger Mensch! Ja, mein Herz grämt sich meines Fleisches wegen; meine Seele ist bekümmert wegen meiner Übeltaten. Ringsum bin ich umschlossen, ja, wegen der Versuchungen und Sünden, die so leicht über mich kommen” (2. Nephi 4:17-18).

          Um den Willen und die Kraft aufzubringen, der Sünde zu widerstehen, müssen wir auf Gott vertrauen und um Hilfe beten. Nephi freute sich am Herrn, der ihm geholfen und ihn durch seine Bedrängnisse geführt hatte (siehe 2. Nephi 4:20). Er fragte: „Warum soll ich mich, meines Fleisches wegen, der Sünde hingeben?” (2. Nephi 4:27). Dann betete Nephi darum, der Herr möge seine Seele erlösen und ihn „zittern machen, wenn Sünde sich naht” (2. Nephi 4:31).

          Nephi beendet seinen Psalm mit den folgenden Worten, die auch für die gelten, die mit den in diesem Artikel behandelten Schwerigkeiten ringen:

          „O Herr, auf dich habe ich vertraut, und ich will auf dich vertrauen immerdar. Ich will mein Vertrauen nicht in den Arm des Fleisches setzen; denn ich weiß: Verflucht ist, wer sein Vertrauen in den Arm des Fleisches setzt. Ja, verflucht ist, wer sein Vertrauen in Menschen setzt und Fleisch zu seinem Arm macht. Ja, ich weiß, Gott gibt willig dem, der bittet” (2. Nephi 4:34-35).

          Der Herr, der uns geboten hat, vollkommen zu sein, hat sein Blut für uns vergossen, damit wir unsere gottgegebene Bestimmung verwirklichen können. Er vertraut darauf, dass es uns gelingt, ewiges Leben zu erlangen. Das wird an der folgenden Aufforderung deutlich: „Was für Männer sollt ihr sein? Wahrlich, ich sage euch: so, wie ich bin” (3. Nephi 27:27).


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